„Live-Content öffnet ungeahnte Möglichkeiten“

Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um ins Live-Content-Marketing einzusteigen. Michael Schweizer, der Inhaber von Live Fabrik, spricht über Paradebeispiele, Dont´s in der Umsetzung und die Chancen von Live-Content für die Schweizer Unterhaltungsbranche.

Herr Schweizer, wie setzt Ihrer Meinung nach die Schweizer Unterhaltungsbranche Live-Content-Marketing bereits ein?
Was man derzeit zu einem grossen Teil von den Festivals an Live-Videos serviert bekommt, gehört mehr in die Kategorie „Handyvideo vom Praktikanten“. Dabei bietet die Interaktion mit dem Publikum in Live-Videos fantastisch viele Möglichkeiten.

Gibt es Paradebeispiele?
Beim Wort Paradebeispiel denke ich immer sofort an den Sommer 2017. Das Moon&Stars Festival in Locarno hat damals mehrere Konzerte in TV-Qualität auf Facebook übertragen. Die Zuschauerzahlen gingen dabei komplett durch die Decke. Aus der ganzen Welt schauten Menschen live das Jamiroquai Konzert in Locarno. Man spricht von über 4.5 Millionen Views innert kürzester Zeit. Das Newsportal Watson zum Beispiel hat das im vergangenen Sommer mit einem unterhaltsamen (Trash)Format umgesetzt. Unter anderem konnte die Community zwei Mitarbeitern Aufgaben stellen, die sie an den Open Airs erfüllen mussten. Irgendwo zwischen der trashigen Umsetzung von Watson und der sehr teuren Konzert-Produktion wie beim Moon&Stars liegen wir mit Live Fabrik. Vergangen Sommer durften wir zum Beispiel für Swissmilk mehre Livesendungen von den grossen Festivals produzieren. Moderator Dominik Widmer führte als Höhepunkt am Gurtenfestival durch eine fast einstündige Show mit Interviews, Interaktion und Unterhaltung. https://www.youtube.com/watch?v=u9N0lqnjvGY&t

Welcher Kanal ist derzeit die beliebteste Live-Content-Plattform?
Grundsätzlich gilt: Als Firma oder Brand ist immer der Kanal der beste Live-Kanal, auf dem Sie sowieso am stärksten sind. Die diversen Kanäle haben natürlich ihre individuellen Stärken und Schwächen. Die gilt es bei jedem Projekt entsprechend abzuwägen.

Live-Content soll authentisch und locker rüber kommen. Wie „locker“ ist es tatsächlich, guten Content zu produzieren?
Es braucht eigentlich zwei Dinge: Ein gut eingespieltes Team - sowohl vor als auch hinter der Kamera - und ein starkes Script. Die Vorbereitung muss noch viel gewissenhafter passieren, als bei einem normalen Videodreh. Es gibt keinen zweiten Versuch und keinen Schnitt. Ausserdem braucht es kurze Entscheidungswege um schnell arbeiten zu können. Wenn wir am Vormittag ein Interview aufzeichnen, dass am frühen Nachmittag in einer Livesendung integriert werden muss, können wir nicht darauf warten, dass irgendwo am anderen Ende der Welt irgendjemand nach stundelangem hin und her den Inhalt freigibt.

Die Kosten sind vom gewünschten Standard abhängig. Einfache Inhalte kann man in Zweierteams (Moderation und Produktion) umsetzen. Umso höher die Ansprüche an die Bild und Tonqualität, umso höher der Personaleinsatz. Einfache Tageseinsätze von Zweierteams starten bei uns im tieferen vierstelligen Bereich.

Welche Dont´s gilt es zu vermeiden?
Als ehemaliger Radioproduzent ist für mich der schlimmste Fehler überhaupt, dem Ton zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Live Content wird nicht untertitelt. Wer schaut, schaut mit Ton, und der muss glasklar sein. Besonders wenn aus irgendwelchen Gründen das Bild einmal etwas wackelt. Ich beobachte immer wieder, das Millionenschwere Unternehmen Live-Produktionen an den Start bringen, bei denen der Ton eine Katastrophe ist.

Ihr Rat an die Schweizer Entertainmentbranche?
Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt! Der Live-Knopf der Social Media Portale öffnet eine Welt voller ungeahnter Möglichkeiten. Klingt abgedroschen, ist aber die Wahrheit. Noch nie war es so einfach und kostengünstig Liveproduktionen an den Start zu bringen wie heute. Sie können ihr ganz eigenes Livefernsehen machen und mit den Leuten zu Hause interagieren. Fantastisch! Und: Der Voyeurismus steckt in uns allen! Ein Beispiel dazu: Kürzlich ist ein Gamer während einem Livestream vor laufender Kamera eingeschlafen und vervielfachte die Anzahl seiner Fans – im wahrsten Sinne des Wortes – im Schlaf. Als er wieder aufwachte, hatte er Tausende Zuschauer. Dem Voyeurismus sei Dank!