

19.02.2026 //
«Live wird überproportional wachsen.» – Hans-Willy Brockes über 10 Jahre «360° Entertainment»
Zehn Jahre nach Interlaken feiert «360° Entertainment» am 24. und 25. März 2026 in Andermatt Jubiläum – und diskutiert die neuen Weichen im Live-Markt: von der Studie «Die Live-Entscheidung» über Partnerschaften, Daten und KI bis zu Venue-Fragen, Cyber-Risiken und Community-Storytelling. Hans-Willy Brockes erklärt, warum die Branche im Umbruch bleibt – und weshalb ausgerechnet «Live» vor einem Wachstumsschub steht.
m&k: Herr Brockes, am 24. und 25. März 2026 feiert «360° Entertainment» in Andermatt das 10-Jahre-Jubiläum. Vom Treffpunkt zur Taktgeber-Plattform – und das in einer Branche, die seit 2020 im Zeitraffer unterwegs ist.
Hans-Willy Brockes: Das ESB Marketing Netzwerk und Ticketcorner bringen das Ökosystem der professionellen Entertainment-Branche zusammen. Die Idee war gut und wichtig, wie das kontinuierliche Teilnehmerwachstum zeigt. Daher bleiben wir dieser DNA auch treu.
m&k: 2016 Interlaken, gut 200 Leute. 2026 Andermatt, rund 550. Was war die ursprüngliche Idee – und was ist heute der Kern, der geblieben ist?
Hans-Willy Brockes: Das ESB Marketing Netzwerk und Ticketcorner bringen das Ökosystem der professionellen Entertainment-Branche zusammen. Die Idee war gut und wichtig, wie das kontinuierliche Teilnehmerwachstum zeigt. Daher bleiben wir dieser DNA auch treu.
Sie sagen oft: erst fehlte die Lobby, dann kam der Boom nach der Pandemie, jetzt die Konsolidierung. Wo steht die Schweizer Entertainment-Industrie heute: stabilisiert – oder nur kurz Luft geholt vor dem nächsten Umbruch?
Das Entertainment ist schnelllebig, daher wird es wohl auch weiterhin ständig Umbrüche geben. Aber während sich andere Branchen komplett hinterfragen müssen, wo ihre Existenzberechtigung in einer Zeit der künstlichen Intelligenz und anderer digitaler Angebote ist, wird «Live» überproportional wachsen. Dazu muss man aber Weichen stellen und diese werden in Andermatt beim Kongress thematisiert.
Mit Ticketcorner und GfK bringen Sie die Studie «Die Live-Entscheidung» auf die Bühne. Was hat sich im Kopf des Publikums wirklich verschoben – und wo überschätzt sich die Branche vielleicht selbst?
Die Interessen des Publikums verändern sich ständig und die Anbieter im Live-Entertainment sind daher immer wieder aufgerufen, sich neu zu erfinden. Wer zu lange an seinem bestehenden Angebot festhält, läuft am Interesse des Publikums vorbei. Die Schnelllebigkeit zu unterschätzen, ist aus unserer Sicht die grösste Fehleinschätzung, die man in der Branche machen kann.
Sie sprechen lieber von Partnerschaften als von Sponsoring. Wenn Marken heute Reichweite, Leads und messbare Wirkung erwarten: Welche alten Modelle funktionieren noch – und welche sind schlicht nicht mehr zeitgemaess?
Eine reine Logowerbung als Kern einer Sponsoring-Partnerschaft ist viel zu wenig. Ein Sponsor muss sich durch Storytelling und kontinuierlichen Content in der gewünschten Community positionieren. Besonders gut ist es, wenn ein Sponsor Mehrwerte für die potentielle Kundengruppe schafft. So sind die Detailhändler gern gesehene Partner, um die Liveerlebnisse bei Open Airs mit einem Pop-Up-Store mit fairen Preisen und 24/7-Verfuegbarkeit zu bereichern.
«Sharing is Caring» klingt gut – in der Praxis verteidigt jede Partei ihre Daten. Wieso ist das so? Und was waere der konkrete Gewinn, wenn Veranstalter, Ticketer und Partner die Fan Journey gemeinsam denken wuerden?
Wenn die Ticket Anbieter Daten teilen wuerden, wuerden sie Gefahr laufen, dass ihr Geschäftsmodell unterwandert wird. Wenn Sponsoren Daten miteinander austauschen, haben sie meist Befürchtungen rund um den Datenschutz. Als Veranstalter fürchte ich natürlich den Shitstorm der Community, wenn die Angebote und Kommunikation nicht passen. Daher funktioniert das Teilen von Daten in der Praxis noch nicht. Aber alle Beteiligten würden grössere Reichweiten und mehr potentielle Kunden bekommen, wenn sie die Daten miteinander teilen.
«AI meets Entertainment» bekommt einen eigenen Slot. Was ist bei KI schon Substanz – und was ist noch Folklore? Wo sehen Sie 2026 bereits echte Effizienz: in Planung, Marketing, Pricing, Sicherheit, Betrieb?
Folklore sehe ich bei dem Thema überhaupt nicht. Aber es ist so wie nach der Erfindung des Internets und nach dem Aufschalten der ersten Social Media Plattformen. Wir sind alle nicht in der Lage abzuschätzen, welche bahnbrechenden Veränderungen durch die neue Technologie kommt. Ich schätze, dass 2026 das Jahr wird, wo die KI erste grosse Effizienzsteigerungen ermöglicht. Eine wirkliche Disruption wird später kommen. Vielleicht wird das Geschäft des Veranstalters durch neue virtuelle Anbieter konkurrenziert: ähnlich also wie UBER, Amazon oder Lieferando ihre Branchen auf gewisse Art revolutioniert haben.
Venues und der «Weltstars ade?»-Test – Droht der Schweiz bei internationalen Top-Tourneen ein Standortnachteil – wegen Kapazitäten, Infrastruktur, Auflagen? Und was kann die Venue-Landschaft realistisch dagegenhalten?
Ich würde sagen, der Standort-Nachteil ist real, wenn es um das reine Massenerlebnis geht. «Premium» ist das Schlüsselwort, wie Angebote in der Schweiz sein müssen, um erfolgreich zu sein. Der ESC war ein hervorragendes Beispiel, wie kleinere Kapazitäten grosse Wirkung haben können.
Cyber-Risiken waren früher IT-Thema. Heute sind sie Reputations- und Betriebskrisen in Echtzeit. Was hat sich verändert – und weshalb betrifft es Arena-Betreiber und Festivalmacher so direkt?
Die exponierte Rolle von Venues-Betreibern und Veranstaltern macht jede Art von Cyberangriff attraktiv, weil neben dem echten Schaden eben auch Reputation in der Öffentlichkeit verloren gehen kann. Die Angriffe finden tagtäglich statt, öffentlichkeitswirksam sind bisher keine gewesen. Es fragt sich, ob die Systeme so sicher sind oder ob eben die Zahlungsbereitschaft bei Erpressung in der Branche besonders hoch ist?
TikTok & Co. machen aus Kampagnen plötzlich «Momente». Wie gelingt es Marken, Teil einer Eventkultur zu werden, ohne wie ein Störsender zu wirken?
Authentischer Content ist die generelle Antwort. Das bedeutet konkret, dass die Marke zum Entertainment einen Beitrag leisten sollte und diesen erzählt. Ein gutes Beispiel ist Warsteiner Bier, das jährlich beim Festival Parookaville die «Warsteiner Parooka Church» präsentiert unter dem Motto «Heirate, wen oder was dich glücklich macht». Diese Story, geht jährlich viral und zahlt auf den Markenlifestyle ein.
Neben Konzerten boomen Ausstellungen und immersive Erlebnisse. Sind Touring Exhibitions für Veranstalter und Venues das zweite Standbein, um Hallen auch jenseits der grossen Rockstars zu füllen?
Ich würde – noch – nicht von einem Boom reden. Bei den Touring Exhibitions hat die Schweiz Nachholbedarf und international wachsen die Angebote dynamisch. Welche Veranstaltungsstätten in der Schweiz diese Entwicklung nutzen können, wird sich zeigen. Die Show bleiben meistens einige Monate vor Ort, um profitabel zu sein und das passt zu den heuten Buchungszyklen nicht unbedingt. Aber es ist klar, Infrastrukturen wie beispielsweise Messehallen müssen besser genutzt werden und Exhibitions bieten neue Chancen.
Bei Ihnen ist Networking kein Nebenprogramm. Zum Jubiläum kommt die «Iischi Party» der Openair-Gampel-Crew ins Radisson Blu. Warum sind genau diese informellen Gespräche oft der Moment, in dem Deals, Ideen und Kooperationen entstehen?
Gute Frage! Hier ist der «Faktor Mensch» mit all seinen Sinnen den digitalen Lösungen noch lange Zeit überlegen. Wir alle merken doch: Wir stressen uns, um immer mehr digitale Kanäle zu bedienen, aber die Geschäftsergebnisse generieren sich aus den persönlichen Kontakten. Wir bieten die Plattform für Live-Meetings und Live-Networking, weil da auch echte Business-Entscheidungen entstehen.
Wenn die Teilnehmenden nach zwei Tagen Andermatt abreisen: Welchen einen Gedanken sollen sie im Gepäck haben – als Kompass fürs Geschäftsjahr 2026?
Unsere Branche ist im Umbruch, der wird auch Verlierer sehen, aber im Grossen ist das Entertainment- und Marketing-Business in einer hervorragenden Entwicklung, die es zu gestalten gilt. 360° Entertainment gibt dazu die passenden Anregungen: Um KI beispielsweise positiv zu nutzen, Zielgruppen besser zu verstehen und Angebote attraktiver zu gestalten.
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